Digitales Gedenkbuch der NS-„Euthanasie“-Opfer – Einführung

Digitales Gedenkbuch der NS-„Euthanasie“-Opfer aus dem Landkreis Biberach

Das Forschungsprojekt hat die Aufgabe, den Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktion aus dem Landkreis Biberach zu gedenken, deren Namen durch zahlreiche Verlegungen in Vergessenheit geraten sollten – und deren Entmenschlichung als anonyme Nummer auf nackter Haut in der Gaskammer endete.

Den Opfern ihre Namen und ihre Persönlichkeit zurückgeben

Mit der Veröffentlichung ist die Erwartung verbunden, dass Angehörige sich über das „Euthanasie“-Opfer aus den eigenen Familien informieren können – und vielleicht mit Ergänzungen beitragen, deren Lebens- und Leidensweg zu dokumentieren.

 

Zur Opferliste aus dem Landkreis Biberach >>hier klicken<<

 

Die NS-„Euthanasie“-Opfer aus dem Landkreis Biberach

Bisher [Stand 08. Februar 2026] konnten 181 Opfer benannt werden, die im Landkreis geboren worden waren oder dort einige Zeit gelebt hatten. Die meisten von ihnen wurden in der Grafenecker Gaskammer ermordet. Grafeneck liegt wenige Kilometer vom Landkreis Biberach entfernt auf der Schwäbischen Alb, war ein Jagdschloss der württembergischen Herzöge und ab 1928 ein Behindertenheim der evangelische Samariterstiftung. Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, im Oktober 1939, wurde Grafeneck für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt. Von Januar bis Dezember 1940 wurden dort über 10.600 Menschen ermordet, die aus Krankenanstalten und Heimen in Baden, Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen stammten.
Im Landkreis Biberach wurden die Kranken und Behinderten, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, mit den berüchtigten Bussen aus dem Kinderheim Ingerkingen, der Pflegeanstalt Heggbach oder der Heil- und Pflegeanstalt Schussenried direkt nach Grafeneck deportiert. Einige Transporte führten die Kranken zunächst auch in die Zwischenanstalt Zwiefalten, wo sie auf die „Verlegung“ in den Tod warten mussten. Im Januar 1941 wurde die Tötungseirichtung in Grafeneck aufgelöst und nach Hadamar in Hessen verlegt, wo die Krankenmorde, trotz Protesten aus Kreisen der Kirchen und der Wehrmacht, fortgesetzt wurden.

Die nationalsozialistische „Euthanasieaktion“ im Deutschen Reich

In den Jahren 1940 bis 1945 wurden im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten insgesamt etwa 300.000 psychisch kranke und behinderte Menschen ermordet. Zunächst geschah dies in den Jahren 1940 und 1941 zentralisiert in insgesamt sechs Tötungsanstalten. Die Opfer wurden dazu aus staatlichen Heil- und Pflegeanstalten sowie aus Anstalten mit kirchlicher und privater Trägerschaft in die Tötungsanstalten nach Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Sonnenstein, Bernburg oder Hadamar deportiert.

Die erste Tötungsanstalt der sogenannten „Aktion T4“ wurde im württembergischen Grafeneck auf der Schwäbischen Alb aufgebaut. Das Einzugsgebiet dieser Tötungsanstalt erstreckte sich auf die Kliniken und Anstalten in Baden, Württemberg, Hohenzollern, Bayern und das Rheinland. Nach der Schließung von Grafeneck im Dezember 1940 erfolgten bis zum Frühjahr 1941 Deportationen aus dem heutigen Baden-Württemberg in die Tötungsanstalt Hadamar (Hessen), die alle über die Heil- und Pflegeanstalten Wiesloch (Baden) und Weinsberg (Württemberg) als sogenannte Zwischenanstalten durchgeführt wurden.
Auch nach der Beendigung der „Aktion T4“ am 24. August 1941 ging das Morden weiter – nun allerdings nicht mehr zentral in Tötungsanstalten, sondern dezentral in den Kliniken und Anstalten selbst. Patientinnen und Patienten wurden nun durch überdosierte Medikamente, Vernachlässigung oder Hungerrationen getötet. An dieser zweiten Phase, der „dezentralen Euthanasie“, waren Schwestern, Pfleger, Ärzte, Klinikleitungen, Gesundheitsfunktionäre sowie Mitarbeiter zentraler Staats- und Parteidienststellen beteiligt.

Kontakt zur Arbeitsgruppe NS-„Euthanasie“-Opferliste aus dem Landkreis Biberach

eMail: digitales-gedenkbuch@gfh-biberach.de 

Mitglieder der Arbeitsgruppe

+ Johannes Angele aus Reinstetten

Johannes Angele hat das Projekt NS-„Euthanasie“-Opferliste aus dem Landkreis Biberach im Jahr 2019 zusammen mit Bodo Rüdenburg initiiert. Dazu gab es damals mehrere Zeitungsberichte und auch schon Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Im Jahr 2020 hat die Corona-Pandemie das Projekt ausgebremst. Später ist Johannes Angele erkrankt und leider im August 2024 verstorben: Nachruf bei der Gfh

Bodo Rüdenburg aus Biberach [BR]

Bodo Rüdenburg, geb. 1948 in Mietingen. Er war zusammen mit + Johannes Angele der Initiator dieses Projekts.
Arbeitete als Bibliothekar im ZfP Zwiefalten, veröffentlichte zur württembergischen Psychiatriegeschichte. Aufarbeitung der Geschichte der Heilanstalt Zwiefalten als „Zwischenanstalt“ in der nationalsozialistischen „Aktion T4“ zusammen mit Martin Rexer. Die weitere Auseinandersetzung mit der Geschichte der Heilanstalt führte 2003 zur und Eröffnung des ersten Psychiatriemuseums in Württemberg. Dieses Museum befindet sich auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof.

Zeitungsbericht aus dem Jahr 2019: Den Opfern die Würde zurückgeben – Schwäbische Zeitung Biberach

Martin Rexer aus Stuttgart [MR]

Martin Rexer hat in den 80er Jahren in Tübingen Kulturwissenschaft studiert und im Anschluss ein Volontariat am Landesmuseum Württemberg absolviert. Er hat 1990 zusammen mit Bodo Rüdenburg in Zwiefalten die erste Ausstellung zu den NS-Medizin-Verbrechen 1934 – 1946 an der dortigen staatlichen Heilanstalt erarbeitet. Die Ausstellung, die zum ersten Mal die Rolle der Zwiefalter Einrichtung als „Zwischenanstalt“ zur nahe gelegenen Gasmordanstalt Grafeneck thematisierte, ging danach an mehrere Ausstellungsorte in Württemberg. In der jüngsten Vergangenheit befasst er sich mit Formen der Gedenkkultur und speziell mit den Deportationen von Kliniken und Heimen im Zusammenhang mit den NS-Medizinverbrechen.

Stephanie Schosser [StS]

Stephanie Schosser ist in Alleshausen und Moosburg am Federsee aufgewachsen, Ahnenforscherin und Heimatforscherin, beruflich aktiv gewesen im IT Bereich. Beim Buch von Johannes Angele und Wolfgang Merk „OBERSCHWABEN IM ERSTEN WELTKRIEG“ bestand auch schon eine intensive Zusammenarbeit mit + Johannes Angele. Seit 2023 ist Stephanie Schosser Mitglied der Arbeitsgruppe NS-„Euthanasie“-Opferliste aus dem Landkreis Biberach. Ein Fokus dabei ist das Thema Internet und Datenbank für das Projekt zu entwickeln und bearbeiten.

Beschreibung der Kopfzeile des Digitalen Gedenbuchs:

Titelbild für das Digitale Gedenkbuch der NS-„Euthanasie“-Opfer im Kreis Biberach – Foto aus Patientenakte – Roter Postbus vor der Stiftung Liebenau zur Patientendeportation – Gedenkstein der Heilanstalt Zwiefalten auf dem Anstaltsfriedhof.

Das Projekt in der Presse:

  • Schwäbische Zeitung, Ausgabe vom 27.01.2026:
    Forscherteam arbeitet gegen das Vergessen der NS-Opfer
    Online und als PDF aus dem ePaper.
  • Schwäbische Zeitung, Ausgabe vom 19.02.2021:
    Zwei weitere Opfer erhalten ein Gesicht
    Online und als PDF aus dem ePaper.
  • Schwäbische Zeitung, Ausgabe vom 27.01.2021:
    Probelauf für die Tötungsmaschinerie
    Online und als PDF aus dem ePaper.
  • Schwäbische Zeitung, Ausgabe vom 30.08.2019:
    Den Opfern ihre Würde zurückgeben
    Online und als PDF aus dem ePaper.